Malte Mayer arbeitet in einem Umfeld von produzierenden KMU aus den Branchen Maschinenbau und Automatisierungstechnik in der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL). Hier berichtet er, wie er die Corona-Krise bisher erlebt hat, wie die KMU reagierten und worauf es in Zukunft ankommen wird.

1. Wie hat sich deine Arbeit durch die Krise verändert?
Wir haben sowohl unsere Arbeit innerhalb des Teams als auch die Arbeit mit den Mitgliedern unseres Netzwerks von 0 auf 100 auf Remote Work umgestellt. Das war für uns ein Kaltstart, der ein bisschen Zeit gebraucht hat: die Umgewöhnung, das Aufstellen neuer Regelungen oder das Testen und Auswählen verschiedener Tools – es gab einiges zu tun.

Mir persönlich fallen bei der Arbeit im Home-Office zwei Sachen besonders ins Auge: Zum einen lassen sich Meetings in kürzerer Zeit abhalten, sind generell etwas fokussierter und bringen schneller Ergebnisse hervor. Das gilt auch für Veranstaltungen mit den Mitgliedern unseres Netzwerks: Alles ist dichter, fokussierter und zeitlich kürzer geworden, bei gleichem thematischen Input. Dadurch geht natürlich auf der sozialen Ebene viel verloren. Durch diese neue Effizienz – so nenne ich es mal – verschwindet ein Stück des lockeren, ungezwungenen und nicht zielgerichteten Austauschs, der unsere internen und externen Offline-Meetings sonst charakterisiert hat.

Der zweite Punkt, der mir aufgefallen ist: Ich persönlich habe eine größere Hürde, kollegialen Rat einzuholen, wenn ich mal an einer Stelle nicht weiterkomme. Früher war es dann häufig eine Frage über den Schreibtisch hinweg. Jetzt ist es so, dass das durch die Online-Tools häufig einen formalen Rahmen bekommt, der vorher nicht da war. Das führt dann teilweise dazu, dass ich mich frage, ob es jetzt wirklich notwendig ist, dafür extra einen Call zu starten…

2. Wie seid ihr mit diesen Veränderungen umgegangen?
Es war von Anfang an klar: Das ist jetzt eine Teamaufgabe, die niemand alleine lösen kann. Alle haben gleichermaßen mit angepackt und ihre Expertise eingebracht. Das ist ein starkes Gefühl des Zusammenhalts im Team. Wir konnten uns gut gegenseitig motivieren, die Stimmung stabil halten und schnell Fortschritte machen. Das war im Rückblick ein sehr positives Erlebnis. Wenn einzelne Personen mal einen schlechten Tag hatten, konnten wir das gut auffangen. Um die Situation für mich handhabbar zu machen, habe ich an Erfahrungsaustausch in meinem Netzwerk teilgenommen – sei es an persönlichen Zoom-Meetings oder bei Diskussionen auf Twitter. Gerade der Rückgriff auf die Erfahrungen anderer hat mir ein gewisses Gefühl der Stabilität gegeben.

3. Wie ist man in Deinem Umfeld damit umgegangen?
Mein primäres Arbeitsumfeld sind produzierende klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) aus den Branchen Maschinenbau und Automatisierungstechnik. Hier standen zu Beginn natürlich die betriebswirtschaftlichen Themen und Folgen der Krise im Mittelpunkt. An verschiedenen Stellen habe ich jedoch mitbekommen, dass auch Themen wie die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden oder die Doppelbelastung bei Familien zuhause ein Thema sind. Diese Themen wurden allerdings nicht so offen besprochen wie die Themen rund um Liquidität, Kurzarbeit oder Lieferketten – das war zumindest mein Eindruck.

Das ist natürlich auch ein schwieriges Thema; niemand „outet“ sich gerne und sagt öffentlich, dass er oder sie ein starkes persönliches Problem mit dem Thema hat. Ich nehme es so wahr, dass mit dem Managen der Rahmenbedingungen, um den Betrieb weiter am Laufen zu halten, das Thema für viele abgeschlossen war. Ich hätte mir aber stärker gewünscht, dass man den technokratischen Fokus verlässt und auch mal Themen in den Mittelpunkt rückt, die die Menschen im Innersten berühren: Unsicherheiten, Ängste, Überforderungen. Ich denke davon können letztendlich alle nur profitieren. Für mich ist auch gerade das Teil von New Work.

4. Und die Unternehmen, mit denen Du arbeitest, wie war Dein Eindruck – waren sie gut aufgestellt?
In meinem Feld der kleinen und mittelständischen Unternehmen nehme ich einen sehr rationalen Umgang mit dem Thema wahr. Ich habe gerade zu Beginn eine erstaunlich ruhige und überlegte Reaktion in Erinnerung. Es wurden alle „non-essentials“ gestrichen, Aufgaben strikt priorisiert und vom Großen ins Kleine vorgearbeitet. Auch der Rückgriff auf Erfahrungen vorangegangener Krisen (wie die Eurokrise) konnte dabei helfen, einen ruhigen Kopf zu bewahren. Wenn man als Unternehmen ohnehin in einem volatilen internationalen Marktumfeld tätig ist, reagiert man sicherlich auch noch einmal etwas sortierter als ein Unternehmen, das starke Schwankungen und Krisen nicht kennt.

5. Welche Reaktion ist Dir besonders positiv im Gedächtnis geblieben?
Beeindruckend fand ich, dass einzelne Unternehmen relativ schnell auf die Produktion von medizinischen Waren umgesattelt sind. Sei es Atemmasken, Gesichtsschutz oder Bauteile für Beatmungsgeräte oder Desinfektionsspender. Das hatte natürlich betriebswirtschaftliche Gründe. Darüber hinaus lässt das aber auch eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung erkennen, die diese Unternehmen mit sich bringen. Diese Unternehmen sind ja natürlich auch Teil der Gesellschaft und wenn es besondere gesellschaftliche Bedarfe an Gütern gibt, dann müssen die produziert werden, auch wenn es keinen hohen Gewinn abwirft. Dass dies tatsächlich gemacht wird, ist ein starkes Signal. Gerade die traditionellen, alteingesessenen KMU haben da häufig ein hohes Verantwortungsbewusstsein, weil sie einfach einen höheren Bezug zu den Menschen und zu ihrer Region haben. Da werden dann auch Projekte umgesetzt, die nicht ausschließlich betriebswirtschaftlichen Nutzen haben, sondern weit darüber hinausgehen.

6. Was sollten wir aus der Krise lernen und in die Nach-Corona-Zeit mitnehmen?
In KMU bündelt sich häufig viel Verantwortung in einzelnen Personen. Gerade in Krisenzeiten bewährt es sich, so mein Eindruck bisher, diese Verantwortung aufzufächern und zu verteilen. So können Mitarbeitende und Teams selbstorganisiert an Lösungen arbeiten. Auf diese Weise innovative Wege aus der Krise heraus zu finden, ist wesentlich größer, als wenn Entscheidungen immer von den gleichen Einzelpersonen getroffen werden müssen. Das impliziert auch, dass das Thema der beruflichen (Weiter-) Bildung immer wichtiger wird und zukünftig ein zentrales Element sein muss. Und zwar nicht im Sinne dieser klassischen und trockenen Weiterbildungskonzepte – im Gegenteil muss berufliche Bildung flexibel sein, mehr in Form von kollektiven, selbstorganisierten Lernkreisen organisiert sein und man muss das Wissen intern weitergeben. So können viel mehr Mitarbeitende vom neu erlernten Wissen profitieren, als wenn eine Einzelperson ein Seminar besucht. Ich denke, wenn ein Unternehmen in Bezug auf diese zwei Punkte – Selbstorganisation der Teams und Mitarbeitenden und neue Formen der Weiterbildung – einen guten Weg für sich findet, dann ist es auch gut gerüstet für eine Krise. Dann ist einfach sehr viel Kompetenz offen für alle zugänglich und bleibt nicht hinter Hierarchiebarrieren versteckt.

7. Was wirst Du persönlich mitnehmen in die Nach-Corona-Zeit?
Für mich persönlich waren die Themen Lernen und Weiterbildung zentral, gerade zu Beginn der Corona-Krise. Wenn sich in einem Team alle gleichermaßen selbstständig zu einem Thema weiterbilden – zum Beispiel zu technischen Möglichkeiten der Remote-Arbeit – und man sich dann regelmäßig in Meetings dazu austauscht, definiert was noch gebraucht wird und dann weitermacht, quasi in iterativen Zirkeln, dann kann man in kürzester Zeit Unmengen von Wissen für das gesamte Team generieren. Und zwar viel mehr, als wenn nur eine Person eine formale Weiterbildung belegt und dann die richtigen Entscheidungen treffen soll im Anschluss. Die Wichtigkeit des kollektiven, selbstorganisierten Lernens ist für mich das wichtigste Learning aus der Krise bisher. Dafür müssen in der Organisation natürlich aber auch erstmal die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Das passiert nicht von allein.

Malte Mayer (Bild: DAA Westfalen)

Malte Mayer (Bild: DAA Westfalen)

Malte Mayer beschäftigt sich mit den aktuellen Herausforderungen digitaler Technologien an der Schnittstelle zu den Beschäftigten und zur Unternehmenskultur. Über verschiedene Projekte hat er in der Vergangenheit umfangreichen Einblick in die Praxis von kleinen und mittleren Unternehmen gesammelt. Malte Mayer arbeitet bei owl maschinenbau e.V.  – dem Kompetenznetzwerk des Maschinenbauclusters in Ostwestfalen-Lippe – und ist dort verantwortlich für die Themen Arbeit 4.0, Personal und berufliche Bildung.

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