Wir können uns Chancen schaffen, wenn wir beherzt agieren – das ist eine Lektion, die ich bisher aus Corona mitnehme. Hier gebe ich Einblick, wie ich im Angesicht der Pandemie reagiert habe und was davon funktionierte. 

Mein Name ist Inga Höltmann und ich bin die Gründerin der Accelerate Academy. In den vergangenen Wochen habe ich an dieser Stelle neun spannende und inspirierende Menschen gefragt, wie sie bisher durch Corona gekommen sind und was sie aus der Zeit mitnehmen werden. Auch für mich war Corona bisher aufregend und aufreibend – und ich möchte an dieser Stelle das, was meine Gesprächsparter/innen mit mir geteilt haben, durch eigene Gedanken und Eindrücke ergänzen.

Wie sich meine Arbeit durch Corona verändert hat:
Ich bin im Januar in Australien gewesen und habe von dort gearbeitet. Ich hatte mich dorthin zurückgezogen, um strategisch und konzeptionell zu arbeiten und um das vor mir liegende Jahr zu planen. Als ich Mitte Februar zurück nach Europa kehrte, hatte Corona China bereits fest im Griff und es gab auch die ersten Fälle in Australien.

Doch das ließ ich vermeintlich hinter mir, als ich nach Deutschland flog – wie ernst es auch in Europa war, traf uns alle erst in jenen Tagen wie ein Schlag. Meine Jahresplanung zerfiel vor meinen Augen zu Staub. Ich ging vergleichsweise früh in Selbstisolation und trage auch seit Ende Februar konsequent eine Maske, wenn ich das Haus verlasse – lange, bevor wir überhaupt über den Sinn einer Maskenpflicht in Deutschland diskutierten.

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an jene Wochen. Die Unsicherheit, wie es wohl weitergehen würde, aufkeimende Existenzsorgen, die Frage, wie lange es uns im Angesicht einer Pandemie gelingen würde, diese Gesellschaft aufrechtzuerhalten, aber auch die Frage, wie ernst es wohl werden würde – gerade auch mit Blick auf Italien oder Spanien – und – ja, auch das – Wut und Hilflosigkeit gegenüber Menschen, die weder sich selbst noch andere zu schützen bereit waren und sich nicht an Einschränkungen oder Ratschläge von Politiker/innen und Expert/innen hielten.

In dieser emotionalen Gemengelage beschloss ich, alles über den Haufen zu werfen und mein Jahr neu zu planen – nicht, dass ich eine andere Wahl gehabt hätte, aber es war auch eine bewusste Entscheidung, Corona anzunehmen als Handlungsaufforderung. Für mich ist Corona VUCA: Etwas, das in einem volatilen Markt- und Lebensumfeld auf uns geworfen wird und auf das wir reagieren müssen, wenn wir bestehen wollen. Ich beschloss, zu innovieren. Jetzt erst recht.

Was ich zuerst tat, war, die Hände nach den Menschen in meinem Umfeld auszustrecken. Ich führte viele, viele Gespräche, manchmal ganz persönlich: Wie geht es Dir? Manchmal auch ganz praktisch: Was wirst Du tun? Und ich entwickelte von heute auf morgen Austauschformate für die Menschen in meiner Community. Drei Monate lang ging ich jeden Morgen um 9 Uhr in meiner Facebook-Gruppe live, gab eigene Impulse oder führte Interviews. Vor allem drehten sich diese Gespräche um das Home-Office, um das Remote-Arbeiten oder das Führen auf Distanz, also um Themen, die die Menschen um mich herum beschäftigten, nachdem sie von heute auf morgen in 100 Prozent Home-Office katapultiert worden waren. Ein anderes Format, das ich anbot, war mein virtueller Stammtisch: Jeden Donnerstag Abend trafen wir uns und tauschten uns aus, wie es uns ging und wie wir die Arbeitswoche erlebt hatten.

Diese Formate gibt es noch. Ich habe sie weiterentwickelt und aus ihnen heraus ist auch meine Mitgliedschaft entstanden, die ich im Juni sehr erfolgreich gelauncht habe. Mein Ziel: Mit den Menschen ihre Handlungsräume erschließen und ihnen zeigen, wie sehr sie gestalten können, auch in Zeiten wie diesen. Oder nein: Gerade in Zeiten wie diesen. Und das ist eine sehr wichtige Botschaft für mich.

Wie sich all das für mich anfühlte:
Gerade zu Beginn von Corona habe ich eine große Unsicherheit empfunden, wie viele andere Menschen auch. Als ich sah, welchen Einfluss diese Pandemie auf unsere Gesellschaft und unsere Arbeit hat, verspürte ich ein großes Unwohlsein. Ich denke, dass das eine ganz normale, eine ganz menschliche Reaktion ist. Denn was Corona auch gezeigt hat: Wie eng verzahnt unsere Gesellschaft ist, wie verbunden alles ist, und wie wichtig auch Dinge sind, die fernab unseres eigenen persönlichen Alltags sind – zum Beispiel muss ich selbst nicht in Bars oder auf Konzerte gehen, um zu erkennen, wie wichtig es ist, dass es diese Angebote gibt. Wie wichtig sie für andere Menschen und ihr Wohlbefinden sind und wie viele Existenzen auch an solch vermeintlich unwichtigen Freizeitaktivitäten hängen. Unser Leben besteht eben nicht nur aus „essential jobs“ und deren Dienstleistungen und das ist auch gut so.

Doch was da draußen passiert, das liegt (fast) nicht in unseren Händen. Was wir aber beeinflussen können, ist die Art und Weise, wie wir darauf reagieren und wie wir damit umgehen. Es war für mich auch eine bewusste Entscheidung zu sagen, dass ich nicht in einen Panik-Modus verfalle, sondern ganz bewusst reagiere und gestalte. Es war eine Entscheidung, zuzuhören und Angebote zu machen, Formate zu entwickeln und in engen Austausch mit Menschen zu gehen. Daraus sind für mich ganz neue Perspektiven entstanden – und nun versuche ich umso mehr, diese Kraft der Perspektiven-Entwicklung auch an andere Menschen weiterzugeben.

Wie ich unsere Reaktionen wahrgenommen habe:
Zu Beginn der Pandemie habe ich eine starke Rückentwicklung gesehen: Viele Budgets wurden eingefroren, besonders die für Neue Arbeit oder Transformation, also Themen für vermeintlich gute Zeiten. Viele Unternehmen sind in einen Überlebensmodus gegangen. Und so sehr das auch nachvollziehbar ist, so ist meine Botschaft doch eindeutig: Gerade jetzt müssen wir in genau solche Zukunftsthemen investieren. Innovation ist das einzige, was ein Unternehmen robust macht gegen die Herausforderungen eine VUCA-Welt. Mein Ratschlag: Handelt antizyklisch!

Was wir auch gesehen haben, war doch, dass die Unternehmen, die auf dieser Reise schon weiter fortgeschritten waren, auch besser und schneller auf Corona reagieren konnten. Ich habe von Unternehmen gehört, bei denen die Mitarbeitenden ins Büro fahren mussten, um ihre Standrechner abzubauen, damit sie überhaupt daheim arbeiten können – diese Unternehmen hatten noch so stark auf das Büro und Anwesenheit gesetzt, dass es ihnen offenbar überhaupt nicht in den Sinn kam, dass in einer größeren Flexibilität auch Wettbewerbsvorteile liegen können.

Deshalb meine ich das wirklich ernst, wenn ich sage: Bereitet Euch auf Dinge vor, die wir nicht kommen sehen, Menschen und Unternehmen gleichermaßen. Und wie geht das? Seid bereit, habt Lust auf Veränderung, traut Euch herumzuexperimentieren – das sind wichtige Eigenschaften, die in unsicheren Zeiten reagieren helfen.

Was ich ganz persönlich mitnehme in die Nach-Corona-Zeit:
Für mich waren die vergangenen Monate sehr intensiv und ich bin dankbar dafür, dass ich so reagieren konnte, wie ich reagiert habe, und für das, was ich lernen und umsetzen konnte. Das ist es auch, was ich in die Nach-Corona-Zeit mitnehme: Die Erkenntnis, dass wir uns Chancen schaffen können, wenn wir beherzt agieren. Und die Erkenntnis, wie wichtig es ist, ins Handeln zu kommen – auch wenn wir das Gefühl haben, vor uns liegen „schlechte Zeiten“.

Was ich auch mitnehme: Es geht nicht allein. Das, was ich getan habe, habe ich mit und für Menschen getan. Es ist für mich ein Wunder und ein Geschenk, so fantastische Mitstreiter an meiner Seite zu haben und ich möchte Euch sagen: Ich bin sehr dankbar dafür.

Und da ist noch etwas, das ich mitnehme: Zuhören und mit Menschen in den Austausch gehen, sind mächtige Werkzeuge. Vielleicht die mächtigsten Werkzeuge, die wir für Transformationsprozesse haben und wir sollten sie viel, viel öfter einsetzen. Das ist mein Ratschlag an alle Menschen, die arbeiten oder die andere Menschen führen oder gleich ein ganzes Unternehmen: Fragt und hört zu.

Inga Höltmann (Bild: Axel Kuhlmann)

Inga Höltmann (Bild: Axel Kuhlmann)

Inga Höltmann ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie ist Gründerin der “Accelerate Academy”, einer Plattform für Neues Arbeiten und Neues Lernen, und Erfinderin ihrer Mitgliedschaft, einem innovativen Format für berufliche Fortbildung. Sie ist außerdem ausgebildete Wirtschaftsjournalistin, zu ihren Auftraggebern gehören der Berliner Tagesspiegel und der Deutschlandfunk Kultur. Bekannt ist sie auch für ihre beiden Podcasts zur Zukunft der Arbeit, nachzuhören unter ingahoeltmann.de/podcast. Twitter: @ihoelt
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