Warum Corona so anstrengend und schmerzhaft für uns ist? Weil wir den Verlust einer unbewusst angenommenen Zukunft zu beklagen haben, meint der Zukunftsforscher Johannes Kleske. Hier beschreibt er, wie er selbst mit der Pandemie umgegangen ist und warum man sich mit Zukunftsszenarien und Post-Corona-Prognosen manchmal auch zurückhalten sollte. 

1. Wie hat sich Deine Arbeit durch die Krise verändert?
Ich bin seit zehn Jahren Co-Geschäftsführer der Foresight-und-Technologie-Firma Third Wave in Berlin. Für uns hat Corona zwei ganz konkrete Folgen: Zum einen können wir derzeit keine physischen Workshops mehr machen und mussten auf Remote Workshops wechseln. Zum anderen habe ich die letzten Jahre viele Keynotes gegeben – das ist dieses Jahr komplett eingebrochen und wird nur minimal durch Online-Vorträge ersetzt.

Gerade die Arbeit mit Remote Workshops werden wir auch auf Dauer beibehalten. Nicht nur schonen sie das Klima, sie ermöglichen zum Teil auch eine präzisere Arbeit an Themen, was wir zu schätzen gelernt haben. Auch haben wir unser Angebot ausgebaut und bieten nun auch einen Online-Kurs, der Führungskräften und Mitarbeitenden zeigt, wie sie in einer volatilen Welt besser planen und handeln können. Auch uns hat die Krise also dazu bewegt, neue Wege auszuprobieren.

2. Wie bist Du damit umgegangen?
Als Zukunftsforscher beschäftige ich mich konstant mit möglichen, alternativen Zukünften. Dazu gehören auch immer solche Szenarien wie die einer Pandemie. Deswegen hat es mich jetzt nicht völlig überrascht und aus der Bahn geworfen. Umso interessanter ist es dann, an sich selbst und dem eigenen Umfeld zu beobachten, wie sich solch eine Situation im direkten Erleben anfühlt. Ich habe vor allem versucht, für mich so viel Druck wie möglich rauszunehmen und trotz der Hektik Ruhe zu finden.

3. Welchen Umgang hättest Du Dir gewünscht?
Ich sehe in meinem Umfeld und auch bei mir selbst die Tendenz, die Unsicherheit durch Aktionismus zu überdecken. Ich glaube, viele hätten sich gewünscht, dass die Führung häufiger mal verlangsamt und zugehört hätte, statt alle paar Tage die Taktik zu wechseln. Eine Zeile des Musikers Clueso begleitet mich seit vielen Jahren: „Panik sieht bescheuert aus.“ Viele Angestellte wissen nun, wie ihre Führungskräfte in der Krise reagieren – und leider hat das eher selten zum Aufbau von Vertrauen und Sicherheit geführt.

4. Wie nimmst Du den Umgang in Deinem Feld mit der Krisensituation wahr?
Die Branche der Trend- und Zukunftsforschung hat sich sofort in der Pflicht gesehen und ein Post-Corona-Szenario nach dem anderen rausgehauen. Das Ergebnis war, dass man sich lächerlich gemacht hat, weil die Szenarien teilweise schon überholt waren, bevor sie richtig veröffentlicht waren. Die Branche leidet sowieso schon darunter, dass sie nicht richtig ernst genommen wird, weil sie immer wieder versucht, die Zukunft mit großen Fanfaren zu prognostizieren. Da wäre es aus meiner Sicht viel hilfreicher gewesen, den Menschen und Unternehmen erstmal klar zu machen, was sie da gerade erleben, nämlich den Verlust einer unbewusst angenommenen Zukunft. Das hätte die Chance ermöglicht, einen Diskurs aufzumachen, welche Rolle die Zukunft in der Gesellschaft genauso wie in der Wirtschaft spielt und was man vielleicht anders machen könnte, um nicht wieder so von einer Krise überrascht zu werden.

5. Welche Reaktionen fandst Du besonders gelungen?
Mich hat es beeindruckt, wie viele Restaurants und Lebensmittelgeschäfte hier in Berlin mit viel Kreativität die Zeit überbrückt haben, bis sie wieder Gäste empfangen konnten. Von der Pizzeria, die Teig verkauft hat, über das Gourmet-Restaurant, das gefüllte Picknick-Körbe durchs Fenster anbot.

6. Was sollten wir als Unternehmen und als Arbeitende aus der Krise lernen und in die Nach-Corona-Zeit mitnehmen?
Diese Zeit ist eine, in der viele Effekte verstärkt wurden: Von all den Menschen, die plötzlich zum Home-Office gezwungen wurden, über die massiven Lücken in den Digitalisierungsbestrebungen vieler Unternehmen bis zur Feststellung, wie wenig wir „essentielle“ Jobs in unserer Gesellschaft wertschätzen. Die Aufgabe derzeit ist es vor allem viel genauer hinzuschauen und die eigenen Annahmen zu überprüfen. Ist Home-Office wirklich das Beste für jeden? Warum wünschen sich manche sehnlichst das Büro zurück? Warum wird an die Betreuung von Kindern in all den politischen Maßnahmen immer als letztes gedacht? Welche Erwartungen hatte ich bisher an die Zukunft, die sich durch die Corona-Krise als unbegründet oder sogar falsch erwiesen haben? Woher kamen diese Erwartungen und mit welchen Vorstellungen und Erwartungen will ich sie bewusst ersetzen? Niemand hat es in der Hand, wann die Nach-Corona-Zeit beginnt. Aber es kann sehr wohl mitgestaltet werden, wie diese Zeit aussieht und was bewusst anders laufen soll. Dafür kann es zum Beisiel ein Ziel sein, dass mehr Teile der Gesellschaft in diesen Gestaltungsprozess eingeschlossen werden und dieser Prozess inklusiver neu angegangen wird.

7. Was hast Du ganz persönlich bisher gelernt?
Ich habe für mich noch mal mehr begriffen, wie hilfreich ein recht fester Tagesablauf für mich ist. Gerade wenn um einen herum alles drunter und drüber geht, helfen mir Strukturen und Rituale als Ankerpunkte. Das gilt insbesondere fürs Home-Office.

Johannes Kleske (Bild: Kai Müller)

Johannes Kleske (Bild: Kai Müller)

Johannes Kleske hilft als Partner und Direktor für Foresight bei Third Wave in Berlin Kunden wie der Deutschen Bahn, Messe München, AOK, 3A Composites, Duden, BVG, Ullstein, Deutsche Telekom, Viacom, GIZ, Postbank und Transparency International die digitale Welt zu verstehen und zu gestalten. Er beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den möglichen, wahrscheinlichen und wünschenswerten Zukünften von Arbeit, Kommunikation und Städten aus einer kritischen Perspektive und hat einen Master in Zukunftsforschung. In seinen Vorträgen setzt er sich für einen selbstbewussten und reflektierten Umgang mit der digitalen Transformation ein. Seine Grundmotivation ist es, die Handlungsfähigkeit von Menschen in einer zunehmend komplexen Welt zu erhöhen.

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