„Ideen entstehen beim Gehen“ – davon ist die Unternehmerin Jana Wieduwilt fest überzeugt. Nach einem Beinahe-Zusammenbruch erfand sie das Business-Pilgern. Zuerst für sich, doch sie wandert schon lang nicht mehr allein.

„Ich habe zum ersten Mal wahrgenommen, wie nah man die Bundesstraße mit dem Verkehr hört“, sagt Lisa M. Ihre Nachbarin Bärbel A. murmelt: „Unglaublich. Ich geh hier ganz oft entlang, aber das Wehr mit dem kleinen Flüsschen habe ich noch nie bemerkt.“ Nebenan meldet sich Kerstin W.: „Erstaunlich, wie viele Blätter noch an den Bäumen sind, obwohl wir Januar haben.“ Lisa, Kerstin und Bärbel sind auf Pilgertour. Sie sind nicht auf dem Jakobsweg und auch nicht für sechs Wochen weg. Das Pilgern dauert etwa vier bis fünf Stunden und sie machen das in einer Gruppe, angeleitet von mir, Jana Wieduwilt.

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Ich bin Business-Pilgerin und habe das Business-Pilgern erfunden. Aus der eigenen Not heraus. Es war ein Dienstag, im Mai des Jahres 2013. Hektik herrschte, eine riesige Menge an Aufträgen wartete auf Bearbeitung. Dazu kamen einige Reklamationen und „schwierige“ Kunden. Ich stand am Tisch in meinem Büro und versuchte gerade gleichzeitig mit einem Mitarbeiter zu telefonieren, während ich etwas zu Essen zubereitete. Endlich. Offenbar hatte der Mitarbeiter kapiert. Ich legte auf und setzte mich erschöpft. Dabei bewegte ich mich ungeschickt und eine alte Vase fiel um und rollte mitsamt Blumen langsam vom Tisch. Ich schaute hinterher. Als die Vase unten auf dem Boden aufschlug, war es aus.

Wasser und Blumen, Scherben und Blätter überall

Ich heulte hemmungslos. Als hätte diese billige Vase irgendeinen Wert. Ich heulte und konnte nicht wieder aufhören. Es war der Beginn einer neuen Zeit. Ich bin seit 2006 mit meinem Unternehmen Wieduwilt Kommunikation auf dem Markt. Aus einer klassischen PR- und Werbeagentur entwickelte sich im Verlauf der Jahre eine Consulting-Agentur für strategisches Marketing. Damals, 2013 hing das Unternehmen in einer Wachstumsschleife fest. Es wären mehr Mitarbeiter nötig gewesen, um die Kundenanfragen gut zu bearbeiten. Für mehr Mitarbeiter reichte aber das Geld nicht. Eigentlich wäre es einfach gewesen, das weiß ich heute – ich hätte nur meine Preise erhöhen müssen.

Aber das war damals bei mir als junge Unternehmerin eben nicht so klar und einfach, zumal langfristige Rahmenverträge mit günstigen Konditionen für die Kunden die Sache noch ein wenig komplexer machten. Ich saß am Tisch. Die kaputte Vase zu meinen Füßen. Wasser und Blumen, Scherben und Blätter überall. Ich war unfähig, etwas zu tun. Das muss eine ernste Warnung vor einem Burnout gewesen sein.

Als mein Mann nach Hause kam, bat ich ihn, alle Termine abzusagen, gab ihm mein Handy in die Hand und ging ins Bett. Als ich wieder aufwachte, war es Donnerstag früh. Ich hatte einfach mal knapp 30 Stunden geschlafen. Danach beschloss ich, dass es so nicht weitergehen kann.

Fasten und einige Beschlüsse

Die Mitarbeiter, die Firma, die Familie – alles musste unter einen Hut. Und die Hauptlast trug ich, auch, weil ich weder gelernt hatte, zu entspannen, noch, weil ich wirklich delegieren konnte. Ich beschloss also verschiedene Dinge, unter anderem, dass ich fasten gehen musste, dass ich Zeit für mich haben wollte, dass ich an Wochenenden so selten wie möglich arbeiten wollte und dass ich meinen Mitarbeitern entweder vertrauen oder das Unternehmen schließen musste.

Wenige Wochen später war ich fasten. Zum ersten Mal seit Jahren alleine. Ohne Familie. Und zum ersten Mal seit Jahren offline. Denn im Kloster gab es kein W-Lan. Ich besann mich auf das, was ich früher mal gemacht hatte: Tagebuch schreiben.

Ich schrieb mir viel von der Seele und ließ los. Nicht nur Körpergewicht, sondern auch Ballast. Beim Fasten traf ich einen Mann, der ebenfalls kurz vor dem Burnout stand – und einfach losgepilgert war. In Görlitz auf der Via Regia, die durch Deutschland, Schweiz und Frankreich auf den Camino Santiago, den Jakobsweg, führt. Ich hörte sehr aufmerksam zu und staunte, was das mit ihm gemacht hatte. Das will ich auch mal machen, nahm ich mir vor.

Erste kleine Pilgertouren durch die Lausitz

Einstweilen musste die Lausitz für kleine Pilgertouren herhalten. Denn das Business musste langsam umgebaut werden. Mehr Verantwortung für die Mitarbeiter. Ich lernte tatsächlich nach sieben Jahren im Business, Mitarbeiter zu führen. Ich lernte auch, mir selbst mehr Raum und Liebe zu gönnen. Nur, wenn du dich selbst liebst und pflegst, kannst du für die anderen da sein und deine besten Leistungen bringen, ist meine Erfahrung. Es half – seither gab es nie wieder eine Blumen-Vasen-Situation.

Und dann war die Firma so weit, dass ich längere Zeit reisen konnte, ohne, dass irgendwas zusammenbrach. Alles lief weiter, wie immer. Die Kunden: zufriedener denn je. Und doch war ich endlich auf dem Jakobsweg in Spanien. Eine weitere bahnbrechende Erfahrung. Vormittags pilgerte ich und genoss Gespräche und Einsamkeit, Landschaft und Gastfreundschaft, Spiritualität und tiefes Urvertrauen in den Weg.

Und nachmittags: Packte ich den Laptop aus dem Pilgerrucksack und arbeitete. Entspannt. Und hocheffektiv. Die Arbeit, für die ich sonst sechs Stunden brauchte, machte ich lächelnd hochkonzentriert in zwei, trotz Pilgerherbergsbedingungen. Ich war baff! Dieses Gefühl von Flow wollte ich unbedingt mit nach Hause nehmen. Tat ich auch. Zunächst für mich selbst. Ich verlegte meinen Arbeitsbeginn auf eine Stunde später als sonst, neun Uhr. Und morgens ging ich erst mal Pilgern. Eine, zwei Stunden straffes Laufen. Ohne Smartphone, ohne vorher schon die Aufgaben des Tages gesehen zu haben.

Die Idee des Business-Pilgerns entstand beim Pilgern

Ab neun Uhr dann Büro. Erfrischt, kreativ wie nie zuvor, gab ich als pilgernde Chefin dem Unternehmen Wieduwilt Kommunikation ganz neuen Schwung. „Ideen entstehen im Gehen“ ist seither die Devise, denn tatsächlich habe ich das Konzept des heutigen ortsunabhängigen Unternehmens mit sechs Mitarbeitern beim Pilgern entwickelt.

Und auch die Idee des Business-Pilgerns, wie es heute ist, entstand auf einer der ausgedehnten Wanderungen am Morgen. Man müsste das doch auch mit den Kunden machen können, gehend über strategische Marketingkonzepte zu sprechen, das Alleinstellungsmerkmal bearbeiten und den besten Weg zu den Kunden der Kunden zu finden – das war meine Idee. Die stellte ich einigen langjährigen Kunden vor. Die waren begeistert. Neukunden fanden sich ein – obwohl das Business-Pilgern noch gar nicht beworben wurde.

Das Konzept ist einfach: Die Beratungen der für das Marketing zuständigen Person in klein- und mittelständischen Unternehmen finden im Zweiergespräch zwischen Kunden und mir statt. Anstelle von Absatzschuhen und Business-Outfit gibt es kräftige Wanderschuhe, robuste Jacken und einen Wanderrucksack mit Tee, Butterbroten und Regencape. Und dann gehen wir los. Meist in der Region, in der der Kunde sein Wirkungsgebiet hat. Jakobswege gibt es inzwischen an so vielen Orten, einer ist immer nah.
Nach wenigen Metern passieren schon wundersame Dinge. Die frische Luft, die neuartige Betätigung, die behutsame, bodenständige Führung lassen die Worte des Business-Pilgers nur so sprudeln. Ideen. Klarheit. Weitsicht. Und manchmal ist es auch Stille, die in einer Erkenntnis mündet.

Pilgern verbindet Selbstfürsorge mit der Kraft der Natur

Nach einigen Stunden kehren beide Pilger glücklich zurück. Der Business-Pilger-Kunde hat ein Konzept und vor allem den Mut und das Selbstvertrauen, es in die Tat umzusetzen. Und ich habe einen Kunden glücklich gemacht und meiner Leidenschaft gefrönt.

Irgendwann fragte mal ein Kunde, ob ich das Business-Pilgern auch für die gesamte Marketingabteilung anbieten könne. Ich konnte. Die gestressten, monitorverbundenen Menschen aus der Marketingabteilung fanden die Idee zunächst abwegig, ließen sich aber darauf ein. Heraus aus dem Alltag des Berufes und hinein in Selbstfürsorge, Wahrnehmen und Loslassen – durch die ersten schweigenden Schritte. Jeder, wirklich jeder hat was anderes wahrgenommen. Und im gemeinsamen darüber sprechen entstand eine neue Gruppendynamik. Eine neue Erkenntnis – eine neue Art miteinander und an einem Thema zu arbeiten, denn in den kulinarisch gut versorgten Pausen gibt es Mini-Workshops und Frage-Antwort-Runden. Auch hier erweist sich das Konzept als hocheffizient. Selbst Couch-Potatoes mögen es. Denn es gibt Pausen und in denen auch immer etwas Leckeres!

Geht Business-Pilgern nur für Kreative? Keineswegs. Denn egal, welches Thema gerade in einem Unternehmen bearbeitet werden darf, das mit Kommunikation, Werbung, Marketing zu tun hat: „Ideen entstehen beim Gehen“, davon bin ich überzeugt. Ganz nebenbei erleben die Mitarbeiter die Wertschätzung des „Sich-selbst-was-Gönnens“, der Selbstfürsorge, und erleben die Kraft der Natur – Mitarbeiterbindung vom Allerfeinsten.

Warum ist Business-Pilgern ein Instrument der Mitarbeiterbindung?

  1. Business-Pilgern ist für die Führungskraft eine gute Methode, sich selbst und die Art der Unternehmensführung im Zwiegespräch neu zu betrachten und ganz neue Perspektiven für das eigene Unternehmen zu entdecken.
  2. Business-Pilgern verweist auf das Naheliegende und auf die wirklichen Werte im Leben. Beim Business-Pilgern darf der/die Teilnehmer/in ganz er/sie selbst sein.
  3. Pilgern ist der Weg zu sich selbst. Auch Menschen, die gar nicht religiös sind, mögen den Gedanken, sich auf einem Stück eines historischen Handelsweges zu bewegen und die Kraft dieser uralten Verbindung zu spüren. Gerade im geschäftlichen Kontext sind diese Kräfte oftmals relativierend bei großen oder kleinen Herausforderungen im eigenen Unternehmen. Diese werden durch die Führungskraft anders eingeordnet und können lösungsorientiert betrachtet werden.
  4. Beim Business-Pilgern gibt es kein frontales Gegenüber. Wenn zwei Menschen nebeneinander laufen und sich nicht direkt ansehen, können manche Dinge schneller ausgesprochen werden als am Konferenztisch. Die Schmerzpunkte sind rasch identifiziert und können im weiteren Verlauf des Weges bearbeitet werden.
  5. Business-Pilgern ist ein Erfolgserlebnis. Da der Weg begangen wird und die Pilger immer am Ziel ankommen, entsteht ein großartiges Gefühl eigener Stärke.
  6. Es ist ein leises Konzept, das alle Sinne anspricht und tatsächlich geschenkte Zeit für die Mitarbeiter. Einige Stunden außerhalb des Arbeitsplatzes und dennoch produktiv.
  7. Business-Pilgern lässt das Team losgehen. Sie begeben sich gemeinsam auf einen Weg. Völlig andere Perspektiven lassen Wertschätzung für die einzelnen Teammitglieder wachsen.
  8. Business-Pilgern bedeutet Bewegung an der frischen Luft. Bewegung lässt nachweislich die Gehirnfunktionen besser arbeiten und Ideen können entstehen und fließen.
  9. Wenn beim Business-Pilgern die Führungskraft selbst dabei ist, trägt auch das zu einem besseren gegenseitigen Verständnis bei.
  10. Die Business-Pilger erleben Achtsamkeit, manche von ihnen das erste Mal in ihrem Leben bewusst, ein Erlebnis, das sie bei Unternehmensveranstaltungen für immer mit dem Unternehmen in Verbindung bringen werden.
Jana Wieduwilt (Bild: Promo)

Jana Wieduwilt (Bild: Promo)

Jana Wieduwilt ist Unternehmerin, Business-Pilgerin und Marketingexpertin. Nach Studium und Geburt ihrer beiden Söhne gründete sie nach vier Jahren Selbstständigkeit als freie Journalistin im Jahr 2006 die Agentur Wieduwilt Kommunikation. Heute berät sie mit sieben Mitarbeitern Kunden auf authentischem Weg zu Wachstum und Erfolg. Workshops, moderierte Gespräche und vor allem langfristige Begleitung als strategischer Partner sind die Werkzeuge, um die Kunden voranzubringen. Jana Wieduwilt baute mit ihrem Team die Agentur in den letzten Jahren komplett ortsunabhängig auf. Bis es soweit war, durchliefen Jana und ihr Unternehmen einige Tiefphasen – Scheidung, Geldmangel, Unternehmensaufbau und Überarbeitung prägten die ersten Geschäftsjahre. Nach einem Fast-Zusammenbruch und dem darauf folgenden Entschluss, den Jakobsweg zu gehen, brachte sie die Idee des freien Denkens in der Natur – die Walking Mentorship – mit in ihr Business. Seither geht sie mit vielen Kunden Business-Pilgern – um gehend die besten Ideen für ein authentisches, gewinnbringendes Marketing ihrer Kunden zu entwickeln.

Mehr Informationen gibt es auch bei Janas LinkedIn, Facebook, Instagram und auf Twitter

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