Wie sich Stolperfallen interkultureller Zusammenarbeit vermeiden lassen

Shanghai Skyline (Bild: Ralf Leineweber on Unsplash)

Wenn deutsche und chinesische Firmen zusammenarbeiten wollen, kommt es oft zu Reibungen und Missverständnissen. Christina Richter arbeitet seit Jahren in einem solchen Kontext und hat nun ein Buch geschrieben, wie es klappen kann. 

Seit mehr als drei Jahren arbeite ich für ein chinesisches Unternehmen mit Sitz in Chinas Silicon Valley, Shenzhen. Das Unternehmen unterstützt Einzelhändler und Brands aus aller Welt beim Markteintritt in den größten, aber auch komplexesten E-Commerce Markt der Welt: China. Ich unterstütze das Unternehmen dabei, sichtbarer in Europa zu werden und dadurch Aufträge europäischer Unternehmen zu bekommen, die nach China verkaufen wollen. Eine spannende Aufgabe, aber auch eine sehr herausfordernde, denn China ist nicht nur kulturell sehr anders als Europa – vor allem wir Deutsche –, sondern auch auf einem viel fortschrittlicheren Stand, was die Digitalisierung betrifft. Und genau damit stehen und fallen sehr viele Partnerschaften zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen.

In China wird digital gelebt und gearbeitet

Ich schreibe diesen Beitrag in Hangzhou, dem Unternehmenssitz des Tech-Giganten Alibaba. Seit einer Woche bin ich dienstlich in China und jedes Mal, wenn ich vor Ort bin, fällt mir vieles noch stärker auf als aus der Ferne in Deutschland, denn in China wird viel digitaler gelebt und gearbeitet. Meine Arbeit mit meinen Kollegen in China, mit externen Agenturen oder anderen Unternehmen in China, findet zu 90 Prozent auf WeChat statt. WeChat ist mit seinen mehr als einer Milliarde Nutzern die Super-App des Landes und hat seine Fühler in alle Lebens- und Arbeitsbereiche des modernen Chinesen ausgestreckt.

Über WeChat wird gechattet, eingekauft, Video geschaut, es wird Essen bestellt oder aber ein Didi gerufen, die chinesische Variante von Uber. Mit WeChat Pay wird gezahlt – und das online wie offline. Und über WeChat wird gearbeitet. Die klassische E-Mail unter Kollegen wurde durch WeChat abgelöst. In der Regel gibt es für jedes Projekt eine WeChat-Gruppe, in der sich die beteiligten Personen austauschen. Es werden Angebote abgestimmt, Kosten errechnet, Verträge abgestimmt, und neuerdings auch Budgets freigegeben und Rechnungen gezahlt. Die Arbeit per WeChat ist sehr einfach, da jeder in der Gruppe Informationen zur gleichen Zeit erhält und direkt in der Gruppe reagieren kann.

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Formalität prallt auf Flexibilität

Neben der sehr schnellen und flexiblen Arbeit fällt mir vor allem ein Unterschied immer wieder sehr stark auf, weniger in meiner täglichen Arbeit, sondern mehr auf der inhaltlichen Ebene. Viele deutsche Unternehmen haben mitunter große Probleme mit chinesischen Unternehmen zusammenzuarbeiten – und andersherum genauso. Da ich für ein chinesisches Unternehmen arbeite, erfahre ich die Herausforderungen nicht nur aus deutscher Perspektive, sondern auch aus chinesischer. Und das ist wirklich sehr spannend.

"Digitales China" von Elena Gatti & Christina Richter (Quelle: Springer Gabler Verlag)
„Digitales China“ von Elena Gatti & Christina Richter (Quelle: Springer Gabler Verlag)

Deutsche Unternehmen arbeiten sehr prozessorientiert. Es gibt vorgegebene Abstimmungsprozesse und an diese halten wir uns. In China wird sehr zielorientiert gearbeitet, sprich, wenn sich eine Chance auftut, wird diese ergriffen. Und zwar schnell. In der Zusammenarbeit kann dies so aussehen: Es gibt einen Projektplan mit konkreten Maßnahmen, der zwischen der deutschen und der chinesischen Seite abgestimmt ist. Für das Projekt ist ein Budget für genau die festgelegten Maßnahmen auf definierten Kanälen freigegeben. Für die deutsche Seite ist klar, dass das Budget genau nach Plan eingesetzt wird. Für die chinesische Seite ist klar, wenn es die Möglichkeit gibt, kurzfristig eine erfolgsversprechende Maßnahme auf einem anderen, vielleicht sogar neuen Kanal, zu ergreifen, die so nicht im Plan vorgesehen ist, wird diese umgesetzt.

Chinas Markt ist sehr schnelllebig

Die größte Herausforderung ist, dass der Markt in China nicht nur sehr anders als in Deutschland ist, er ist vor allem sehr schnelllebig. Wer sich hier auf im Vorfeld ausgetüftelte Pläne verlässt, wird schwer erfolgreich sein. Und das wissen die Chinesen und arbeiten daher sehr flexibel und passen ihre Arbeitsweise dem Markt an. Für uns aus deutscher Sicht sehr schwer zu verstehen. Ich bin aber fest davon überzeugt: Ausländische Unternehmen werden nur sehr schwer im chinesischen Markt erfolgreich sein, wenn sie sich nicht auf diesen einlassen. Andersherum wäre es ja auch nicht anders. Eine Vorgehensweise, die Herausforderung anzunehmen, wäre gewisse Freiheiten mit vorgegebenen Spielregeln zu definieren. So könnte es beispielsweise einen abgestimmten Projektplan geben, der allerdings ein gewisses Maß an Flexibilität in der konkreten Umsetzung bietet. Damit wäre beiden Seiten geholfen.

Ein Aspekt, der mir heute sehr viele Freiheiten in meiner Arbeit lässt, ist Vertrauen. Zu Beginn meiner Zusammenarbeit mit meinen chinesischen Kollegen habe ich jede Woche Reportings geschrieben. Das hat mich Zeit und das Unternehmen Geld gekostet. Und keiner hat es je von mir verlangt. Also habe ich aufgehört, Zeit in administrative Aktivitäten zu stecken und diese lieber in inhaltliche Arbeit gesteckt. Und solange ich Ergebnisse liefere, fragt keiner meiner Vorgesetzten danach, was ich wann getan habe. Bei all meinen deutschen Projektpartnern wäre dies undenkbar – Reportings sind scheinbar das halbe Leben.

Kulturelle Zusammenarbeit erfordert besonderes Vertrauen

Genau dasselbe Thema sehe ich auch bei Kooperationen zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen. In China wird gemacht, in Deutschland wird reportet. Für mich liegt der ideale Weg irgendwo in der Mitte. Bei der Zusammenarbeit könnte auch hier eine Lösung sein, dass auf Seiten Chinas ein regelmäßiges Reporting eingeführt wird und auf deutscher Seite auf die lokalen Marktkenntnisse vertraut wird. Chinesen kennen ihr Land und ihre Leute besser als wir – geben wir ihnen doch auch die Möglichkeit, für uns tolle Arbeit zu leisten und zu glänzen.

Grundsätzlich hat für mich interkulturelle Zusammenarbeit immer etwas mit Mindset und Vertrauen zu tun. Wir wachsen in einem bestimmten Mindset auf und genauso geht es den Chinesen auch. Da unsere beiden Kulturen unterschiedlicher nicht sein könnten, ist hier ein gewisses Einlassen auf das andere Mindset unerlässlich, besonders weil China digital so viel weiter ist als Deutschland.

Ich habe hier dieser Tage sogar zahlreiche Senioren mit dem Handy digital im Supermarkt bezahlen sehen – an Self-Service-Stationen. Ein solches Szenario kann ich mir in Deutschland nicht vorstellen. Die Menschen in China sind offen gegenüber neuen Technologien und besonders WeChat ist allgegenwärtig, in allen Altersstufen. Wenn wir erfolgreich mit Chinesen zusammenarbeiten wollen, sollten wir uns auch auf ihr Mindset einlassen – oder zumindest versuchen es zu verstehen. Für mich funktioniert die Zusammenarbeit mit meinen chinesischen Kollegen sehr gut, seit ich mir der Unterschiede bewusst bin und nicht versuche, meinen Weg als den richtigen durchzusetzen. Ich arbeite dadurch heute sehr viel flexibler und mitunter effizienter. Und ich habe in den vergangenen drei Jahren sehr viel dazugelernt – beruflich wie auch als Mensch. Und das ist gut.

Christina Richter ist freie Kommunikationsstrategin und berät Unternehmen bei Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Social Media und Personal Branding. Ihre Themenschwerpunkte sind China Retail und E-Commerce, Digital Healthcare sowie Startups und Tech. Darüber hinaus schreibt und berät Christina rund um das Thema digitales China und wie internationale Unternehmen im größten und komplexesten E-Commerce Markt der Welt Fuß fassen können. 

Elena Gatti und Christina Richter: „Digitales China“ – Basiswissen und Inspirationen für Ihren Geschäftserfolg im Reich der Mitte

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